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Interview mit dem sächsischen Ausländerbeauftragten Geert Mackenroth
„Helfer dürfen Distanz nicht verlieren“

Ihm fehlt eine klare Abgrenzung zwischen hauptamtlicher und ehrenamtlicher Hilfe: Geert Mackenroth.
Ihm fehlt eine klare Abgrenzung zwischen hauptamtlicher und ehrenamtlicher Hilfe: Geert Mackenroth. FOTO: Arno Burgi / picture alliance / dpa
Dresden. Der sächsische Ausländerbeauftragte spricht über die Unterstützung für Flüchtlinge und ihre Grenzen.

Das ehrenamtliche Engagement für Flüchtlinge lässt nach. Sie scheitern zu oft an institutionellen Hürden und fehlender Hilfe, sagt Sachsens Ausländerbeauftragter ­Geert Mackenroth. Aber auch menschliche Enttäuschungen spielen eine Rolle. Die RUNDSCHAU sprach mit ihm über die Hintergründe.

Herr Mackenroth, warum geben so viele ehrenamtliche Helfer auf?

Mackenroth Zunächst gehen die Zugangszahlen zurück. Wir haben aktuell um die 1000 Menschen pro Monat, die zu uns kommen, im Unterschied zum November 2015, da waren es 17 000. Heime werden geschlossen oder gar nicht mehr bezogen. Zum anderen: Nicht selten ist die Szene auch frustriert. Und schließlich haben sich die Profis besser organisiert und neu aufgestellt, um auf die veränderte Lage zu reagieren.

Sie meinen die hauptamtlichen Flüchtlingshelfer?

Mackenroth Ja, dazu gehören die Wohlfahrtsverbände, die die Heime betreiben. Die Hilfe ist professioneller geworden. Die Begleitung der Hilfesuchenden läuft besser. Es gibt finanzielle Mittel, Sprachkurse, Integrationskurse und Flüchtlingssozialarbeit. Der Kernpunkt ist nach meinem Eindruck, dass die Ehrenamtlichen sich sehr oft strukturell alleingelassen fühlen. Dabei sind die Ehrenamtlichen für die Flüchtlinge ein wichtiges Bindeglied zur Gesellschaft. Wenn sich Menschen aus der Mitte der Gesellschaft heraus mit dem Schicksal von Geflüchteten beschäftigen, ist das das Beste, was uns passieren kann, um Akzeptanz zu finden. Sie besprechen ihre Erfahrungen mit der Oma sonntags am Kaffeetisch. Da kann mit fake news oder mit Märchen aufgeräumt werden. Deshalb haben wir als Gesellschaft die Verpflichtungen, dieses Engagement nach Kräften zu unterstützen.

Woran fehlt es denn?

Mackenroth Es fehlt schon an der klaren Abgrenzung, was Hauptamtliche und was Ehrenamtliche machen sollen. Es fehlt an Anlaufstellen, an die sich Ehrenamtliche wenden können mit ihren Fragen. Das geht los damit, wenn ich einen Flüchtling in meinem Auto zum Arzt fahre. Wie ist der versichert, wenn es zu einem Unfall kommt? Oder: Wie bekomme ich den Flüchtling, den ich betreue, in Arbeit? Wer beantwortet diese Fragen das ist alles sachsenweit noch nicht zentral gelöst, sondern nur regional improvisiert. Die Hauptamtlichen können diese Fragen oft innerhalb ihrer Netzwerde klären. Die Ehrenamtlichen stehen allein da. Um das kostbare Pflänzchen Ehrenamt zu erhalten, muss man den Leuten schlussendlich auch zeigen, dass man schätzt, was sie tun.

Wer sind die Leute, die sich für Flüchtlinge engagieren?

Mackenroth Das sind oft Menschen, die erkennen, dass das staatliche Angebot Lücken hat. Die wesentliche Lücke sehe ich beim Faktor Zeit. Es fehlt Zeit, um sich auseinanderzusetzen mit denjenigen, die zu uns gekommen sind. Die Profis sind durch ihre Arbeitsverträge stark unter Druck, sie müssen ihre Zahlen bringen, Listen abarbeiten und Haken dran machen. Dabei braucht es Leute, die dem Familienvater aus Afghanistan zur Not auch dreimal erklären, warum es bei uns freitags manchmal kein Fleisch gibt oder was ein Weihnachtsbaum soll. Wenn die Helfer dann sehen, dass ihr Einsatz etwas bringt, dann gibt das auch ihnen persönlich Befriedigung, wie bei jeder anderen ehrenamtlichen Tätigkeit auch.

Wo liegen die Schwierigkeiten bei der sozialen Integration?

Mackenroth Der erste Schritt ist die Sprache, der zweite ist die Arbeit. Wir müssen als Freistaat sehen, wie wir berufsorientiere Sprachkurse anbieten können. Sprachkurse etwa für Mechatroniker werden vielleicht in Leipzig oder Dresden nachgefragt, aber auf dem Land kriegen wir nicht genug Teilnehmer. Intelligent wären mobile oder technische Lösungen, zum Beispiel eine Lern­app mit Fachvokabular und Wissen für bestimmte Berufe.

Sind die sprachlichen Anforderungen für den Berufseinstieg nicht manchmal zu hoch?

Mackenroth Eindeutig ja. Es war ein Fehler, dass wir zu Anfang durchweg auf Standards beharrten. Da wurde gesagt: Der Flüchtling muss das und das grundsätzlich können, vorher geht nichts. Manchmal verlangt die Arbeitsagentur heute noch ein standardisiertes Sprachniveau, egal um welche Tätigkeit es geht. Dann heißt es: Arbeit geht nur, wenn Du noch einen Sprachkurs machst.

Was dann den Flüchtling wieder für Wochen bindet, ohne dass er etwas tun kann.

Mackenroth Und ohne dass er Geld verdient, was die meisten ja wollen. Intelligente Lösungen müssen parallel laufen. Man muss nicht ein halbes Jahr die Integration durch Arbeitsaufnahme verzögern, damit ein Tischler schon im Sprachkurs lernt, was Kappsäge heißt. Andererseits: Ein Zahnmediziner hat sich an mich gewandt, der sechs Jahre hier ist, aber den Sprachtest mehrfach nicht bestanden hat und damit keine Approbation erhält. Ihm konnte ich nicht helfen, denn das halte ich im Ergebnis für richtig. Bei Menschen, die sensiblen Kundenkontakt haben, muss die Messlatte höher liegen. Da muss ein Arzt andere Voraussetzungen erfüllen als jemand, der bei Porsche in Leipzig am Band steht. Trotzdem, die Leute müssen Deutsch lernen. Wenn wir das nicht durchsetzen oder zu großzügig Ausnahmen gewähren, dann fördern wir Abkapselung, die sich auch auf die Kinder überträgt, und Parallelgesellschaften. Auf die Weise wird Integration nicht gelingen.

Ohne Arbeit auch nicht.

Mackenroth Auch da muss noch viel passieren. Wer Fachkräfte sucht, findet zwar viele Angebote. Die Arbeitsagentur, die Kammern, alle bieten Vermittlung und Hilfe an. Aber das ist ein bunter Flickenteppich. Ein Arbeitgeber wird da von einer Stelle zur anderen geschickt, kommt aber im Ergebnis nicht weiter. Die sächsische Wirtschaft ist kleinteilig. Da kümmert sich der Chef selber, wenn er einen Flüchtling einstellen will. Wenn wir ihm das zu schwer machen, dann lässt er es eben. Wir hören solche Geschichten oft.

Ist der Frust bei den Ehrenamtlichen nur Enttäuschung an den Institutionen oder auch an den Menschen?

Mackenroth Natürlich sind auch oft enttäuschte Erwartungen im Spiel. Für eine ehrenamtliche Tätigkeit ist eine gewisse Distanz nötig. In manchen Fällen ist die deutlich unterschritten worden. Etwa, wenn sich eine Helferin in ihren Schützling verliebt und hinterher feststellt, dass die Erwartungen nicht erfüllt wurden. Da muss man den Leuten mit all ihrem überschießenden guten Willen und ihrer Empathie für Leid klar sagen: Oberstes Gebot ist es, Distanz zu wahren, weil man sonst den Hilfsbedürftigen nicht richtig hilft. Es ist auch ein Selbstschutz, sich zu sagen: Die Tätigkeit dient dem, dem ich helfe, und ist nicht dazu da, meine Defizite auszugleichen.

Zum Beispiel den Wunsch nach einer Familie?

Mackenroth Auch das. Es enttäuscht auch, wenn die Kinder, um die man sich liebevoll gekümmert hat, sich doch nicht zu richtigen Enkelkindern entwickeln. Die Caritas hat extra eine Handreichung für Ehrenamtliche herausgegeben, die bei Trennungen helfen soll. Es gibt Leute, die sich unendlich engagieren, die reden dann von „meinen Kindern“. Ich rate da zur Vorsicht: Wenn es zur Trennung kommt, wenn die Familie woanders hingeht oder abgeschoben wird, sind die Enttäuschungen vorprogrammiert.

Mit Geert Mackenroth
sprach Christine Keilholz